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Interview

Maria und Andrea Schneider: »Wir haben Glück gehabt«

Wie kommen eine Kölnerin und ein Vorarlberger ausgerechnet ins Valle Maira?

Andrea: Durch Zufall. Auf einer Fahrt in die Provence bin ich nachts irrtümlich im Valle Maira gelandet und fand mich am Morgen in einem sehr romantischen Tal. Das war 1978 oder 1979. Darauf fuhren wir öfter hierher in den Urlaub. Damals hatten wir eine Boutique und importierten bestickte Kleider, Silberschmuck und andere Sachen aus Afghanistan. Ich komme aus den Bergen und hatte immer den Wunsch, wieder einmal in den Bergen zu leben. Ich besuchte in Florenz einen Italienischkurs und verbrachte den Winter 1981/82 weitgehend im Tal, um zu schauen, was man da machen kann. Weil ich am Karnevalsfest in Prazzo arbeitslose Lehrerinnen kennen lernte, entstand die Idee einer Sprachschule. Florenz hatte mir nicht gefallen, und ich dachte, dass so etwas in den Bergen fehlt.

Maria: Wir haben unglaubliches Glück gehabt. Es war die Zeit der großen Nachfrage nach alternativen Sprachschulen. Aufgrund einer einzigen Kleinanzeige in der »taz« kamen bereits acht oder zehn Leute zum ersten Kurs im Mai 1982. Am Anfang habe ich sicherheitshalber in Köln weiter gearbeitet und die Buchungen gemacht. Andrea hat – mit minimalen Italienischkenntnissen – vor Ort gearbeitet, zusammen mit den Lehrerinnen, den Freunden, die er sich da gemacht hatte. Ein Jahr danach bin ich ihm gefolgt, als treue Ehefrau.

Was meinten die Leute in Prazzo?

Maria: Die haben sich halb totgelacht. Doch sie sagten sich, na ja, schaden kann es nichts. Im Hotel Impero haben wir drei Klassenzimmer eingerichtet: für Anfänger, für »Mittlere« und für Fortgeschrittene. Von der Gemeinde kriegten wir ausrangierte Tische und Stühle und uralte Schiefertafeln. Am Vormittag unterrichteten die drei Lehrerinnen, nachmittags wanderte Andrea mit den Schülern und zeigte ihnen die Gegend. Im Jahr darauf hat uns die Gemeinde dann in Prazzo inferiore eine Etage angeboten, die wir gemietet und sehr schön renoviert haben. Das war dann unsere Schule, im Haus, in dem unten der Laden ist. Es ging alles sehr gut; die Schwester vom Bürgermeister, die arbeitslos war, unterrichtete bei uns. Später mieteten wir noch eine Etage dazu, da wohnten wir dann.

Wie reagierten die Leute auf die Tedeschi, die Deutschen?

Andrea: Leider bin ich als Österreicher immer der Tedesco geblieben … damit haben wir Schweizer Touristen uns auch schon abgefunden.

Andrea: Als erste Deutsche seit dem Zweiten Weltkrieg wurden wir erstaunlich gut aufgenommen. Die Einheimischen hatten ein unklares Verhältnis zu den Partisanen, zu den Deutschen und zu den italienischen Faschisten. Das ist nicht aufgearbeitet. Viele, die in Deutschland zur Zwangsarbeit waren, oder die paar, die den Russlandfeldzug überlebten, haben unverständlicherweise trotzdem keine negative Einstellung gegenüber den Deutschen. Sie waren uns sehr positiv gesinnt, haben sich jedenfalls immer so geäußert.

Musstet ihr nie für die Nazizeit den Kopf hinhalten?

Maria: Überhaupt nicht. Das kannst du offen ansprechen, das habe ich gelernt hier. Aus Überzeugung oder aus Höflichkeit sagen sie erstens: Ihr seid ja eine andere Generation, ihr seid dafür nicht verantwortlich.

Andrea: Die, mit denen wir den ersten Kontakt hatten, waren damals Vorarbeiter geworden, hatten mit den Deutschen auch kollaboriert und waren natürlich nicht so negativ eingestellt. Bei anderen weiß ich es nicht so recht.

Maria: Der Hauptgrund für die positive Aufnahme war natürlich, dass dank unserer Schule von Ostern bis November immer Leute kamen, überwiegend nette Leute, die sich für die Einheimischen interessierten. Auf einmal war Prazzo mit sechzig Einwohnern die Gemeinde in der Provinz Cuneo mit der höchsten Übernachtungsrate an Ausländern. Die Leute lebten im Hotel, gingen in die Bars, kauften im Laden ein, tankten. Da blieb Geld liegen. Hätten wir eine eigene Infrastruktur betrieben, wäre es sicher anders gewesen.

Eine Erfolgsgeschichte also?

Andrea: Im Prinzip ja. Das glücklichste war, dass unsere Schule eine sehr interessierte Schicht ansprach: politisch Angehauchte oder auch überzeugte Alternative, die sich auf die Leute einlassen wollten und keine Äpfel vom Baum stahlen. Zum Großteil waren sie viel netter als die einheimischen Touristen, die aus der Ebene zu den blöden Bauern da oben kamen. Es waren auch viele Schweizer dabei, wir arbeiteten mit dem SSR zusammen, was für uns ein ganz großes Glück war.

Gab es auch Enttäuschungen?

Maria: Gleichaltrige waren zum Teil neidisch. Wir hätten aber genauso aus Turin kommen können. Die hat einfach geärgert, dass da jemand kommt, etwas aufzieht und davon leben kann und noch für sieben Monate im Jahr drei Arbeitsplätze schafft. Das war die Gruppe, die politisch in der MAO, Movimento autonomista occitano, organisiert war. Es hat nie eskaliert, aber wir lebten aneinander vorbei. Wir hatten gedacht, dass wir auch Freunde finden könnten. Mit Gleichaltrigen hat das aber nicht geklappt.

Andrea: Gemildert wurde das durch die Schulfeste, die alle 14 Tage, wenn ein Kurs fertig war, in der Schule stattfanden: mit Diskothek bis drei, vier Uhr und mit deutschen und Schweizer Frauen. Da konnte man die Sau rauslassen, das war für alle toll. So ging das sieben Jahre. Unsere Schülerinnen logierten entweder im Cacciatori in Prazzo inferiore, im Impero in Prazzo superiore oder im Marmotte in Acceglio.

Maria: Es gab auch Abnützungserscheinungen, Diskussionen mit den Hotels. Das Essen wurde immer schlichter, plötzlich kamen Pommes frites auf den Teller. Es war natürlich eine Einmischung, wenn wir dann sagten, könnt ihr nicht ein bisschen anders kochen. Konflikte zwischen Gästen und den Hotels liefen immer über uns, wir mussten das ausbaden.

Ist deshalb das Centro Culturale Borgata entstanden?

Andrea: Nein. Ich wollte immer ein Maiensäß, das war mein Traum seit meiner Kindheit. Ich bin im Montafon aufgewachsen, dort gibt es jede Menge davon. Bereits in der Anfangszeit wurde mir durch glückliche Zufälle ein Haus in San Martino zum Kauf angeboten, das mit den Säulen. Ich habs gekauft, Maria hat es nicht einmal angeschaut. Ich dachte, das können wir neben der Schule ein bisschen renovieren.

Maria: Die letzten drei Jahre hatten wir drei Lehrerinnen, die absolute Spitze waren, mit denen wir auch gewohnt haben, es war ganz toll. Dann bekamen sie Jobs in Saluzzo und Cuneo, eine begann in Cremona zu studieren. Wir hätten neue Lehrer suchen müssen, dazu die latenten Probleme mit den Hotels – wir hatten die Nase voll. Finanziell reichte die Schule fürs Leben, aber nicht für Rücklagen. So fassten wir 1988 den Entschluss, oben in San Martino ganz schnell etwas Neues zu machen. Wir wurden ja auch älter, ich war 42 damals und Andrea 38. Zudem zeichnete sich ab, dass wohl nur jene alternativen Sprachschulen überleben würden, die expandierten. Das wollten wir überhaupt nicht.

Sondern?

Maria: Wir wollten etwas Kleineres machen (lacht), und weniger Arbeit (beide lachen). Völlig naiv. So ist die Idee des Centro Culturale Borgata entstanden. Bereits unsere Sprachschule hieß Borgata. Gott sei Dank haben wir einen Architekten aus Bludenz gefunden, Bruno Spagolla, mit dem wir uns sehr gut verstanden. Eineinhalb Jahre haben wir gebaut und renoviert. Vieles ist erst in der Diskussion mit dem Architekten klar geworden. Wir wollten eine Begegnungsstätte sein, verstanden uns weiterhin als Mediator zwischen der städtischen und der Bergbauernkultur. Wenn du irgendwo Urlaub machst und viel über die Gegend erfährst, so siehst du mehr und kommst dir weniger verloren vor. Dazu kam ganz egoistisch, dass wir uns dabei wohl fühlten. So fingen wir im Juli 1990 an.

Ihr nennt euch Centro Culturale. Was ist euer Anspruch?

Andrea: Wir wollen Sachen machen, die mit der Gegend zu tun haben und nicht das 300. Trommelseminar. In unseren Wanderwochen setzen wir uns ähnlich mit der Gegend und den Leuten auseinander wie früher in der Sprachschule. Wir veranstalten auch mal ein kleines Konzert oder eine Ausstellung. Weshalb sollten nicht die Städter aufs Land kommen, um sich etwas anzuschauen? Vieles, wozu wir Lust hätten, geht allerdings im Alltagskram unter. Es müssten mehr Leute sein, aber mehr könnten nicht davon leben.

Änderte sich euer Verhältnis zu den Einheimischen?

Maria: In San Martino haben wir mit Leuten aus der Gegend, mit jüngeren meistens, eine Art von Freundschaft gefunden, weil man zusammen etwas unternommen hat, Wege gesäubert, Feste gefeiert oder Pläne geschmiedet.

Andrea: Zu unserer Generation hatten wir weiterhin wenig Kontakt. Die, die da waren, lebten ganz anders. Wie die Männer in den Kneipen über Frauen redeten, war einfach furchtbar langweilig. Die Jüngeren haben meistens in Turin gelebt oder waren politisch bewusster, mit ihnen konnte man diskutieren. So ist eine besondere Art von bleibenden Freundschaften entstanden. Ich möchte auch aus diesem Grund nimmer wegziehen. Obwohl – richtige Freundschaften haben wir nicht gefunden. Es gibt im Tal keine Gruppe, der wir uns voll zugehörig fühlen, beispielsweise Leute, mit denen wir über gemeinsame Erfahrungen, über politische Arbeit auch, reden können.

Welche Rolle spielte das Projekt Mairaweg?

Andrea: Das Projekt begann fast gleichzeitig mit dem Centro Culturale Borgata, das passte für uns toll zusammen. Freundschaften entstanden zum Teil in diesem Zusammenhang. Dazu kam das praktische Interesse, sich um den Mairaweg zu kümmern. Für einen Posto tappa sind die Wandernden eine wichtige Einnahmequelle, auch wenn niemand ausschließlich davon leben kann.

Maria: Viele kommen auf dem Mairaweg bis zu uns, weil sie wissen, dass man bei uns auch mal wieder deutsch reden kann und es einen Service gibt, den es vielleicht woanders nicht gibt. Von uns gehen sie dann nach Celle di Macra und Castelmagno oder weiter ins Tal und über die Gardetta nach Pontebernardo oder auch von uns nach Norden ins Val Varaita und vielleicht um den Monviso herum. Andere kommen von dort zu uns und wandern dann auf dem Mairaweg talauswärts.

Was tut die Comunità montana für den Tourismus?

Andrea: In den letzten vier, fünf Jahren leider praktisch nichts. Sie unternehmen wohl einiges für die Landwirtschaft, das ist die grösste Klientel. Die Comunità montana müsste bestehende Initiativen unterstützen, etwa die Werbung für den Mairaweg oder einen Posto tappa, der nicht so gut beieinander ist.

Uns interessiert die Geschichte der Rück- und Zuwanderung.

Maria und Andrea: Matteo und Virginia Laugero sind noch vor uns nach Palent zurückgezogen. Als Zugewanderte waren wir zuerst die einzigen, und als Nicht-Italiener sind wir fast die einzigen geblieben. Die andern Zuwanderer kamen aus Turin oder der Ebene, darunter die vom Lou Sarvanot und vom Ortica, die vom Codirosso und neu die vom Gentil Locanda. Andere Rück- oder Zuwanderer halten Schafe oder Pferde, haben ein kleines Baugeschäft, arbeiten als Architekt oder als Schreiner. Seit 1980 sind vielleicht zwanzig bis dreißig Leute ins Tal gezogen. Für das Val Maira sind das erstaunlich viele, vor allem sind es aktive Leute. Kinder sind allerdings nur drei darunter.

Wie ist die Schulsituation?

Maria: Im Grunde günstig, weil es ab vier Schülern bereits eine Schule gibt. Ist Nachwuchs in Sicht, reicht vorübergehend auch ein Schüler. In Elva haben sie schon seit langem bloß einen Schüler. Aber die Schulfrage ist schon ein Hinderungsgrund, zuzuziehen oder zu bleiben. In Elva ziehen Leute weg, weil die Kinder ja auch mal mit andern spielen wollen. Eine Familie ist aus San Martino weggezogen, weil es nicht ganz unproblematisch ist, das Kind im Winter in die Grundschule zu bringen. Elva wird von San Martino aus nur Samstag/Sonntag geräumt, und der Pflug von unten ist manchmal erst um halb zehn bei uns. Die Scuola media ist zentral in Stroppo. Die einzige weiterführende Schule ist die Hotelfachschule in Dronero.

Andrea: Leider fand die Hippiezeit, in der die Leute aufs Land gezogen sind, hier nicht statt. In Frankreich hingegen, direkt hinter dem Colle di Tenda, haben sich in einem Tal deutsche Freaks mit jeder Menge Kindern niedergelassen. Sie haben Schafe, machen Käse und engagieren sich auch politisch. Als Jean-Marie Le Pen eine Wahlrede halten wollte, blockierten sie den Hubschrauber-Landeplatz. Sowas hat es bei uns nie gegeben.

Wie seht ihr die Zukunft?

Andrea: Eigentlich müssten wir pessimistisch sein, es passiert zu wenig. Trotzdem bin ich optimistisch. Mit zunehmender Arbeitslosigkeit und Technisierung wird der Druck, aus der Stadt wegzugehen, für viele größer werden. So werden die freien Räume in Mitteleuropa wieder besiedelt werden. Das Val Maira oder die Täler im Hinterland von Ligurien könnten noch vielen Leuten Arbeit und Brot geben: in der Landwirtschaft, im Tourismus, in Nischen.

Maria: Aber es dauert unheimlich lange. Das Montafon, das ich fast gleich lang kenne wie das Val Maira, hat sich in dieser Zeit unglaublich verändert, es hat sich auch viel Reichtum angehäuft. Und wir reden hier von zwei Dutzend Zugewanderten. Ich bin optimistisch, aber es wird wahnsinnig lange dauern. Es sterben immer noch mehr Leute als dazukommen. Wir sind noch nicht an der Talsohle angelangt.

Postskriptum: Obschon Ausländer, wurde Andrea 1999 in den Gemeinderat von Stroppo gewählt – eine Premiere in der ganzen Region Piemont. 2002 wurde in San Martino das neue großzügige Restaurant eingeweiht. Am 7. März 2004 ist Andrea Schneider, der seit Jahren herzkrank war, während eines Kuraufenthalts im Allgäu für immer eingeschlafen. Seither führt Maria Schneider das Centro Culturale mit einem Team von engagierten jungen Leuten weiter.

Am 11. November 2005 wurde in San Martino in Anwesenheit der gesamten politischen Prominenz des Tals eine Gedenktafel eingeweiht, die an die großen Verdienste von Andrea Schneider für die touristische Entwicklung der Gegend erinnert. Seit ein paar Jahren arbeiten das Centro Culturale Borgata und die Stiftung Salecina in Maloja (Engadin/ Bergell, siehe www.salecina.ch) teilweise zusammen.

(Quelle: Antipasti und Alte Wege. Valle Maira - Wandern im andern Piemont, 5.Auflage, 2004)